Was in Indien anders läuft, aber für mich schon (fast) Normalität geworden ist

Der liebste Kalender (von meiner Mama gestaltet) ... für soetwas ist man nie zu alt ;-)
Der liebste Kalender (von meiner Mama gestaltet) ... für soetwas ist man nie zu alt ;-)

Einen schönen nachträglichen Maifeiertag an euch alle. Auch in Indien haben wir ihn gefeiert: Indem wir frei gemacht haben :) Aber ich möchte diesen Blogeintrag nicht dazu nutzen und euch berichten, wie ich meinen freien Tag verbracht habe, sondern möchte euch erzählen, was für mich am Anfang anders/ schwer/ komisch gewesen ist und jetzt fast zum Alltag und dem normalen Leben gehört.

Mal abgesehen vom Verkehr, der Lautstärke und der Luft gibt es noch andere Sachen, an die ich mich in Indien erst einmal gewöhnen musste, konnte und sollte. Die untere Aufzählung variiert von "Kleinen aber feinen Unterschieden" bis hin zu großen Absonderlichkeiten (aus meiner deutsch/österreichischen Sicht). Hier habe ich euch eine kleine Liste von Dingen zusammengetragen, die mir am Anfang noch aufgefallen sind, mir aber immer seltener als außergewöhnlich erscheinen.

Dann fange ich einfach mit ein paar leichten Sachen an und gehen dann zu den schwereren über 😊

Wäschewaschen mit der Hand

Da wir hier keine Waschmaschine besitzen (und ich bin mir auch nicht sicher, wie viele Haushalte in Vijayawada allgemein eine Waschmaschine haben), müssen wir unsere Wäsche mit der Hand waschen. Das stellt an sich ja überhaupt kein Problem dar, nur wenn man sich vorstellt, dass man das ein ganzes Jahr lang machen muss, wird es ein wenig problematisch. Denn wenn man den Anspruch hat, dass die Wäsche ordentlich sauber wird, wird es kritisch. Lauwarmes Wasser und Handwäsche garantieren nämlich keine hygienische Sauberkeit. Und da scheiden sich bei uns, Volontären, die Geister.

Jeder meiner Mitbewohner hat seine oder ihre eigene Art des Waschens. Einige schrubben ihre Wäsche bis zum Umfallen, andere machen es sich einfach und lassen sie einweichen. Ich für meinen Teil gehöre zu den Einweichern. Meine perfektionierte Methode: Erst Kübel voll laufen lassen mit Wasser und Waschpulver, dann Wäsche einweichen lassen, dann mit den Füßen durchstampfen, dann wieder einweichen, dann kurz die wichtigsten Stellen schrubben, dann wieder stampfen und dann, nachdem ich sie ausgespült habe, aufhängen. Es dauert zwar länger, ist aber nicht so anstrengend. Und ich habe das Gefühl, dass meine Wäsche ihre maximale Sauberkeit erreicht (den Umständen entsprechend 😉 ).

Die verschiedenen Arten von Sarees

Ready for Easter in meinem Fancy Saree
Ready for Easter in meinem Fancy Saree

Die indischen Frauen tragen prinzipiell Saree. Egal ob sie auf dem Feld arbeiten, einkaufen, Wäsche waschen, im Büro sitzen oder auf Feste gehen. Frauen, außer die besonders modernen und/ oder jüngeren, tragen immer Saree. Da auch von uns, Volontären, gewünscht wird zu speziellen Anlässen Saree zu tragen, haben wir uns alle ein paar von den hübschen Modellen gekauft. Wie wir also in dem Saree-Einkaufsladen waren, musste ich feststellen, dass es viele verschiedene Arten von Saree gibt. Es gibt die "Arbeitssaree", die aus nicht so gutem und billigerem Stoff sind und dann die normalen Saree, die für den Alltag genommen werden. Es gibt die Fancy Saree, die für spezielle Anlässe angezogen werden und aus dickerem und goldigerem Stoff sind, und dann gibt es Fancy Fancy Saree, die für Hochzeiten und andere große und wichtige Festlichkeiten getragen werden.

Wusste ich nicht, war mir neu, habe ich gelernt. 😊

Eine kleine Randanmerkung: Ein Saree ist ein langes breites Stofftuch. Um einen Saree aber zu tragen, braucht man eine maßgeschneiderte Bluse und einen Unterrock im selben Muster und Stoff. Das Stofftuch wird dann um den Körper gewickelt und mit Sicherheitsnadeln festgesteckt. Die Wickeltechnik ist eine Wissenschaft für sich, aber ich denke, dass ich diese in einem Jahr gemeistert habe 😉

Musik in den Straßen

Die Inder feiern gerne und viele Feste und wenn sie dann einmal feiern, dann laut und mit viel Trara. Und das hört man. Am Anfang bin ich immer mit Gespanntheit zum Fenster gerannt und wollte wissen, was es wieder zu feiern gibt, mittlerweile bleibe ich entspannt sitzen und denke mir: "Das nächste Fest kommt morgen 😊".

Mit den Fingern essen

Warum die meisten Inder ohne Besteck essen, weiß ich gar nicht. Das ist bei denen wahrscheinlich einfach so in der Kultur verankert, so wie bei uns das Mit-Besteck-essen. Ich weiß es nicht, aber es macht Spaß. Mit den Fingern das Essen zusammen mischen, kneten, matschen, in kleine Kugeln formen, auseinandernehmen, wieder mischen. Einfach Großartig. Blöd ist nur, wenn das Essen zu heiß ist. Da kann man sich dann ziemlich arg die Pfoten verbrennen. Aber das nimmt man gerne in Kauf, wenn man mit seinem Essen spielen darf.

Apropos Essen:

Dreimal am Tag Reis

Reis mit Curd und Curry (eigentlich isst man viel viel mehr Reis zum Curry)
Reis mit Curd und Curry (eigentlich isst man viel viel mehr Reis zum Curry)

Ich muss zugeben, dass ich mich daran noch nicht gewöhnt habe. Mir ist dreimal am Tag Reis einfach zu viel. Und ich freue mich immer wieder auf mein Wochenende, wenn ich rohes Gemüse und Obst essen kann. Ein Träumchen 😊 Aber die Schärfe und die Geschmacksintensität der Curries ist schon sehr normal für mich geworden. Letztens waren die Eltern von einer Volontärin da und sie hatten Schnitzel aus Deutschland mitgebracht. Alle hatten sich tierisch darauf gefreut, aber nach dem ersten Bissen mussten wir leider zugeben, dass sie nach nichts geschmeckt hatten haha Da haben sich also unsere Geschmacksknospen einmal umgestellt und werden nur noch aktiviert, wenn die 1000% Grenze überschritten wird.

Mit rechts essen

In Indien ist es so, dass die rechte Hand als die saubere und links als die unreine, dreckige gilt. Das macht so auch recht viel Sinn, denn: Klopapier wird kaum bis gar nicht verwendet. Der durchschnittliche Haushalt in Vijayawada besitzt entweder eine Po-Dusche (auf die ich im nächsten Punkt zu sprechen komme) oder einen Wasserkübel mit dem der Hintern nach dem Klogang saubergemacht wird. Und dieses sauermachen passiert (automatisch und der motorikhalber mit links). Und da du dein Essen nicht mit deiner Klo-Hand berühren willst, isst du lieber und eher mit Rechten. Logisch, oder? Und deshalb gilt die linke Hand als die unreine und die rechte als die saubere. Und deshalb berührst du alles, was du zu deinem Mund führen wirst, mit der rechten Hand. Und das ist eine reine Gewohnheitssache.

Die berühmte Po-Dusche

Ich weiß, dass dies ein unangenehmes Thema ist, aber ich werde trotzdem darüber sprechen. Wem es unangenehm sein sollte, einfach zum nächsten Abschnitt weiterscrollen.

Unsere Po-Dusche (und ja, an diese Sauberkeit kann man sich auch gewöhnen hehe)
Unsere Po-Dusche (und ja, an diese Sauberkeit kann man sich auch gewöhnen hehe)

Ich muss ehrlich zugeben, dass es mich einige Überwindung gekostet hat, unsere Po-Dusche in der Wohnung zu benutzen. ABER ich bin ein großer Anhänger dieser tollen Erfindung geworden. Denn: Würdest du Schmutz auf einer Arbeitsfläche nur mit einem trockenen Fetzen oder Lappen abwischen? Nein. Also warum dies tun, wenn du aufs Klo gehst? Ja, ich weiß, einige verwenden feuchtes Klopapier, aber ist dies nicht ein großer Umweltverschmutzer und kostet einen Haufen Geld auf die Dauer?

Wenn man sich die Po-Dusche wie einen Wasser-Hochdruckreiniger vorstellt, dann weiß man, wie effektiv so ein Hochdruckreiniger sein kann. (Und hey, so viel Druck ist da nun auch nicht drauf, dass es weh tut 😉) Somit ist eine Po-Dusche höchstermaßen effektiv in der Sauberkeit, geldsparend, da man sich das (feuchte) Klopapier spart, und umweltfreundlicher, da kein extra Müll anfällt (Verpackungsreste vom Klopapier, Herstellungskosten, etc.).

Dies bringt mich zum nächsten großen Thema.

Die tägliche Müllproduktion

Die Inder/innen halten prinzipiell ihre Umgebung sehr sauber. Sie fegen mindestens einmal am Tag ihr Haus und alles was zu ihrem Eigentum dazugehört. Sie fegen ebenfalls in der Früh die großen Hauptstraßen. Kein Problem. Was jedoch anders ist als bei uns, ist, dass der neu produzierte Müll, und das ist bei so vielen Menschen wirklich nicht wenig, einfach auf die Straßen geworfen wird. Sicherlich wird er am nächsten oder selben Tag wieder weggefegt, aber bis zu diesem Zeitpunkt transportiert der Wind den Müll erst einmal ein paar Kilometer weiter. So landet er in Flüssen, Feldern und sonst wo an Stellen, wo er eigentlich nicht hingehört und ihn niemand wegräumt. So häuft er sich über die Zeit an.

Aber an dieses Bild der verdreckten Natur habe ich mich (fast) gewöhnt. Womit ich aber noch hadere, ist, dass es kaum Mülleimer an den Straßenrändern gibt. So trage ich manchmal meinen eigenen Müll eine gefühlte Ewigkeit mit mir herum, bis ich ihn entsorgen kann.

Kaltwasserdusche

Das war ja etwas vor dem ich vor meiner Abreise informiert wurde und auch einige Bedenken hatte. Denn ich liebe eine warme Dusche, selbst wenn draußen 40 Grad Celsius herrschen. Und zu wissen, dass ich nur Kaltwasserduschen haben werde, hatte mich ja so gar nicht glücklich gestimmt. Hier kommt jetzt das große ABER. Ich habe mich zwar ziemlich schnell an den Umstand gewöhnt, dass ich morgens meine Kaltwasserdusche haben werde, aber wenn das Wasser im Wassertank und in den Rohren den Tag der Wärme und der Hitze ausgesetzt ist, kann sich das Wasser ziemlich gut erhitzten. Was bedeutet, dass ich am Mittag bis Nachmittag Heißwasser habe. So muss ich nicht ganz auf meinen Luxus verzichten.

Was mich auch gleich zu meinem nächsten Punkt bringt.

Trockene Wäsche in zwei Stunden

Wenn ich es richtig anstelle, kann ich meine Wäsche mit heißem Wasser am Mittag waschen, am späten Mittag aufhängen und am Abend trockene Wäsche haben. Wie geil ist das eigentlich? Wenn dir einmal kurzfristig auffällt, dass du keine saubere Wäsche mehr hast, kannst du einfach kurzerhand Wäsche waschen und hast am Abend wieder frische, gutriechende und vor allem trockene Kleidung. Ein definitiver Pluspunkt, den ich, wenn ich wieder zurück in Europa bin, vermissen werde.

Mosquito-Repellent ist meine Körperlotion

Zumindest im Außenprojekt. Jedes Mal, wenn ich geduscht habe, schmiere ich mich mit Anti-Mücken-Creme ein, denn die Mücken/ Gelsen sind nicht nur nachtaktiv, sondern auch tagaktiv. Und unter den Tagaktiven gibt es die, die Dengue-Fieber übertragen, und da sage ich: "Nein, vielen Dank. Das brauche ich nicht." Also ist zweimal am Tag eincremen angesagt. Ich könnte natürlich auch das Risiko eingehen und mich nicht eincremen (das machen auch einige der Volontäre), aber da ich zu den Menschen gehöre, die am meisten und als erstes gestochen werde, will ich mich der Gefahr einer Krankheit nicht aussetzen. Am Anfang (ohne Eincremen) wurde ich circa 20mal am Tag/Nacht gestochen. Wenn wir das nun auf 365 Tage hochrechnen, würde ich es 7300mal riskieren Malaria oder Dengue zu bekommrn. HAHA Nein, danke 😉

Mosquito-Netze sind nicht nur gut gegen Mücken

Ich habe schon des Öfteren Erfahrungen mit Insekten und anderem Gefleuch hier in Indien gemacht. Seien es Kakerlaken, Spinnen, Heuschrecken, Motten, Riesenwespen, ... Whichever, I had them in my room. ... Mein Mosquitonetz gibt mir nicht nur Sicherheit, dass ich keine Gelsen in der Nacht habe, sondern auch jegliches andere Kriechende und Fleuchende sich außerhalb meines Bettes befindet. Und das lässt mich super entspannt schlafen. Man sollte nur das Netz gut unter die Matratze stopfen, sonst hilft das gar nichts.

(Und ja, hier ich spreche aus Erfahrung. So eine nächtliche Jagd nach Insekten im Bett ist eine Lästigkeit, die ich niemandem wünsche)

Man siehe zur rechten das beschützende Mosquitonetz und zur linken die Bedrohung
Man siehe zur rechten das beschützende Mosquitonetz und zur linken die Bedrohung

Einen Chunni tragen

Ein Chunni ist ein Schal, der über dem Punjabi (Oberkleid) getragen wird, und passend zur Hosen- oder Leggingsfarbe ist. Am Anfang dachte ich mir, dass mich das mächtig zum Schwitzen bringen würde, ABER er hat sich als sehr hilfreich in einigen Situationen herausgestellt. Denn man kann den Chunni wunderbar als Schweißtuch verwenden :-D Immer, wenn mir der Schweiß auf der Nase sitzt, reicht eine kleine Bewegung mit dem Chunni und ich bin schweißfrei. Eine wunderbare Angelegenheit.

Einen Nachteil allerdings birgt dieses schöne Accessoire jedoch schon: Wenn man sich bückt, rutscht er immer über die Schultern und fällt auf den Boden. Was sehr lästig sein kann, je nachdem, wo man sich eben bückt (öffentliche Toiletten sind da keine feine Angelegenheit). Eine Lösung wäre hierfür, dass man sich den Chunni auf den Schultern mit Pins feststeckt. Aber dafür bin ich noch zu faul und halte ihn dann lieber hinten am Rücken fest. Beim Spielen mit den Jungs binde ich dann einfach einen Knoten hinten am Rücken. Das ist zwar nicht gern gesehen (weil es nicht ordnungsgemäß ist), aber für mich trotzdem praktischer.

Wir, Volontärinnen, mit unseren Chunnis bei der Schneiderin
Wir, Volontärinnen, mit unseren Chunnis bei der Schneiderin

Und zu guter Letzt:

No Smoking, No Drinking, and Coffee only at weekends

Ich weiß nicht, wie gut einige meiner Leser mich kennen, aber ich habe doch schon gerne mein kleines Bierchen bei einer Zigarette draußen im Park oder in meinem Pub genossen. Und auf meinen morgendlichen Kaffee zu verzichten war eine wirklich harte Sache.

Mit den Zigaretten und dem Alkohol habe ich bereits einige Monate vor meiner Ausreise aufgehört beziehungsweise habe beides stark reduziert. Da mir von Anfang an gesagt wurde, dass Alkohol und Zigaretten SEHR ungern bei Männern und noch ungernerer bei Frauen gesehen wird, habe ich mich mental darauf eingestellt, dass ich beides während meines Indienjahres auf einen Nullstand bringe. Dazu gab/ gibt es folgende Gründe:

  • Ich will nicht, dass ein Kind mich rauchen sieht, es riecht oder es in irgendeiner Art von mir denkt. Denn ich sollte ein Vorbild für die Kinder sein und wenn ich schon in einem Projekt für ehemalige Drogenkinder arbeite, dann steht das eh außerhalb jeglicher Frage, ob ich rauche/ trinke oder nicht.
  • Ich will mir die Challenge geben und sehen, ob ich es durchhalte ein Jahr nicht zu rauchen oder zu trinken. Außerdem will ich meinem Körper eine Auszeit von diesem Konsum gebe.
  • In Indien wird Rauchen und Trinken als etwas sehr Negatives und Abstoßendes gesehen. In Filmen werden kaum rauchende oder alkoholtrinkende Menschen gezeigt, und wenn dies so ist, dann kommt eine gelbe Warnung, dass Rauchen und Trinken schlecht sei. Das war ziemlich befremdlich für mich, als wir das zweite Mal im Kino waren und bei der kleinsten und fast nicht zu erkennenden Alkoholflasche im Hintergrund die Warnung gezeigt wurde. Aber wenn die Menschen hier so darauf eingestellt sind, dann sollte ich mich da auch anpassen.

Mittlerweile habe ich mich aber an den Umstand gewöhnt keinen Alkohol zu trinken und keine Zigaretten zu rauchen (obwohl ich die Möglichkeiten hätte). Schwer war es nur mit dem Kaffee. Aber da habe ich einfach zwei Wochen mit Kopfschmerzen gelebt und jetzt brauche ich den Kaffee nicht mehr zwangsläufig. Obwohl ich ihn schon sehr sehr gerne trinke. Und da ein Dank an meine Mama, denn sie hat mir Kaffee aus Deutschland geschickt, denn der Kaffee hierzulande ist entweder von schlechter Qualität, vorgesüßt oder schweineteuer.

So, das war es auch schon wieder. Ich hoffe, ich konnte euch einen weiteren Einblick in mein Leben hier in Indien geben und hoffe, dass ihr Spaß beim Lesen hattet.

Ich habe auch mitbekommen, dass es einige Probleme mit den Kommentaren gab. Ich werde versuchen, das so schnell wie möglich zu regeln.

Bis dahin, auf wiedersehen und ein schönes Wochenende.

Eure Rike in Indien