Meine neue Challenge – Projektwechsel (und da meine ich wirklich nur den reinen Wechsel)

Vorab: Ich muss leider ehrlich sein und zugeben, dass ich seit fast drei Monaten keinen Blog mehr geschrieben oder veröffentlich habe. Der letzte Eintrag wurde zwar am 07.07.2019 geschrieben, nur habe ich ihn erst einen Monat später veröffentlicht. Der Hauptgrund war und ist, dass ich keinen Speicherplatz mehr auf meiner kostenlosen Website hatte. Und ehe ich es fertiggebracht habe, mir mehr Speicherplatz zu kaufen, sind nun einmal einige Monate vergangen. Deshalb werden die kommenden Blogeinträge mehr oder weniger eine Rekapitulation der letzten Monate sein. Unteranderem werde ich über meine Urlaube in Tamil Nadu und Goa schreiben, über Abschiednehmen, Reflektionen, Gedanken und ähnliches. Ich werde aber versuchen, so schnell wie möglich wieder auf den neustens Stand der Dinge zu kommen, um euch dann aktuell zu berichten 😉

Nun zum Eigentlichen: Jeder Volontär und jede Volontärin, die circa ein Jahr in Vijayawada arbeiten, wechseln in der Halbzeit ihr Projekt. Dies hat mehrere Gründe. Zwei davon sind, dass ein Wechsel einerseits frischen Wind in die einzelnen Unterprojekte bringt und andererseits, dass dieser Wechsel den VolontärInnen einen neuen Energieschub ermöglichen soll. Und bei mir war letzteres recht nötig.

Ich liebe meine Vimukthi Jungs. Ich habe jede Unterhaltung genossen, die ich mit ihnen hatte. Wie sie mir versucht haben, die "Indian Youth" (indische Jungend) zu erklären, wie sie mir über ihre Kindheit erzählt haben und wo sie schon alles waren. Wie sie mir von ihren Träumen berichteten und was sie später werden wollen. Ich habe jedes Essen, jede Unterrichtsstunde, jede Gamestime geliebt. Ich habe jede Duty, die wir zusammen gemacht haben, wahnsinnig genossen, denn so konnte ich meine Jungs auf eine neue und andere Art kennen lernen.

Beim Anhänger beladen
Beim Anhänger beladen

Ein Beispiel dazu: Wir waren dabei den Buffalo-Mist, der sich langsam auf dem Komposthaufen zu Dünger verwandelt hat, auf einen Anhänger zu hieven und diesen auf den Acker zu bringen. Da wir keine neumodernen Gerätschaften besitzen, mussten wir kleine Schaufeln, Kübel und unsere Armkraft verwendet. Einer musste den Dung lockern und in die Kübel schaufeln, der andere musste dann den Kübel über den Kopf heben und auf den Anhänger schütten. Ich war für zweiteres zuständig, weil ich durch meine Größe einen Vorteil habe. Als ich dann aber gesehen habe, dass ein "Schaufel-Junge" langsam müde wurde, habe ich ihm vorgeschlagen, dass wir wechseln. Nach dreimal fragen meinerseits und ein definitives ablehnen seinerseits, wurde er letzendes so wütend, dass er mir seine Schaufel vor die Füße geworfen hat. Warum? Das war eine Frage, die mich lange beschäftigt hat und die ich mich für geklärt haben wollte. Der Grund: Der Junge empfand die Schaufelarbeit als schwerer und wollte deshalb nicht, dass ich diese Aufgabe durchführe. Er ist der Meinung, dass ein Mann immer schwerer arbeiten sollte als eine Frau und als ich ihm seine Arbeit abnehmen wollte, habe ich ihn ein wenig seiner "Mannhaftigkeit" beraubt. Und das kann ich verstehen, dass es einen jugendlichen Burschen angreift, wenn man dies tut. Wir sind dann letzendes zu der Übereinstimmung gekommen, dass meine Aufgaben nicht schwerer sein sollen als seine 😉 (Dies sind Momente, wo man Menschen kennen lernt, sie zu verstehen lernt und lernt wie sie denken und warum sie so handeln, wie sie handeln.)

Beim "Füttern" der Buffaloes
Beim "Füttern" der Buffaloes

Aber um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Ich habe die Zeit mit den Jungs wahnsinnig geschätzt. Für mich sind die Vimukthi Jungs zu meinen Vimukthi Jungs geworden. Und wenn ich einen meiner Burschen sehe und bemerke, dass es ihm nicht gut geht, dann geht mir das ziemlich nahe. Über die Monate hinweg, konnte ich die Burschen in ihrem Alltag kennenlernen. Ich habe gesehen, wie sie sich verhalten, wenn sie glücklich sind. Ich habe aber auch erlebt, wie sie sind, wenn sie wütend oder traurig sind oder wie sie sind, wenn ihnen etwas voll gegen den Strich geht. Sie sind Teil meiner indischen Familie geworden. Wir sind fünf Tage die Woche zusammen aufgestanden. Wir haben dreimal pro Tag gemeinsam gegessen, wir hatten gemeinsamen Unterricht, gemeinsame kreative Momente und gemeinsame spielerische Einheiten. Wir hatten Tanzabende, wo alle verrückt geworden sind. Wir hatten einen Geist bei uns im Projekt und wir haben Stromausfälle gemeinsam durchgestanden. Wir haben uns 24 Stunden lang gesehen und wussten immer, was der andere macht. Wir waren stets zusammen. Und sich dann von ihnen zu verabschieden, fällt einem einfach schwer. Zu wissen, dass man sein Leben nicht mehr mit ihnen teilen kann und dass jetzt eine Veränderung vor der Tür steht und es nichts mehr so sein wird wie früher, bricht mir doch das Herz.

Nach einer erfolgreichen Schnitzeljagd
Nach einer erfolgreichen Schnitzeljagd

Aber warum ich trotzdem gesagt habe, dass bei mir ein Projektwechsel nötig war, ist folgender. Mir ist meine Energie ein wenig abhandengekommen. Woran es genau lag, weiß ich selbst nicht. Ob es die innerliche Einstellung war, dass ich eh bei meiner Halbzeit wechsle, ob es die einkehrende Routine war oder ob es die allgemeine Stimmung im Projekt bestimmt hat, weiß ich nicht. Aber ich war definitiv nicht mehr so energiegeladen, wie am Anfang. Leider. Und obwohl ich meine Jungs liebe und vermissen werde, weiß ich, dass ich mit meiner Halbenergie ihnen nichts Gutes getan hätte. Und zwei Lichtblicke habe ich eh: Alle, bis auf die zwei Jüngsten, sind jetzt im RVTC und da ich dort ab jetzt arbeite, kann ich sie jederzeit wiedersehen. Und die zwei, die es nicht geschafft haben, kann ich jederzeit im Vimukthi besuchen gehen.

Zeit für ein Selfie im RVTC ist immer
Zeit für ein Selfie im RVTC ist immer

Also hat doch Alles eine positive Seite.

Das Leben geht voran. Und das ist auch gut so. Denn würden die Jungs nur auf der Stelle treten, wäre ihnen damit auch nicht geholfen. Und außerdem bin ich auch "nur" eine Volontärin. Die Burschen werden noch so viele Menschen in ihrem Leben kennenlernen und erleben. Da spiele ich nur eine kleine Rolle. Auch das ist gut so. Ich wünsche meinen Jungs nur das Beste. Und so freue ich mich, dass auch eine Veränderung für sie ansteht.

Eure Rike in Indien

PS: Was ich mit allgemeiner Stimmung im Projekt gemeint habe, war, dass die Jungs in einer Warteposition sind. Normalerweise wechseln die Jugendlichen nach circa 6 Monaten in das Folgeprojekt RVTC. Einige von den Burschen waren aber schon vor meiner Zeit im Projekt und sind bis zu meinem Wechsel ebenfalls nicht gewechselt. Ihnen wurde oft gesagt, dass sie nächste Woche wechseln können, aber dann ist es nie dazu gekommen. Diese Unruhe und das Warten hat die allgemeine Stimmung ziemlich verändert.