Der reinste Wahnsinn – Durga Tempel

Ein Freitag wie jeder andere. Aufstehen, essen, arbeiten, essen, relaxen, arbeiten. Und wie normalerweise, bin ich eine Person, die nach getaner Arbeitswoche sich einfach entspannt ins Bett legen will und sich Filme anschaut. Aber irgendwie wurde nichts aus meinem Plan. Zum Glück. Denn ein tolles Erlebnis erwartete mich an diesem Abend.

Die VoloGruppe hatte die Idee den Durga Tempel bei uns in der Nähe zu besuchen. Da im Moment das Navaratri Festival stattfindet, bei der die Göttin Durga zelebriert wird, wussten wir, dass dort etwas sein würde, was man sich anschauen kann. Aber was wir dort vorgefunden hatten, war dann doch etwas ganz anderes.

Angefangen hat unser Erlebnis damit, dass wir verfrüht aus der Riskhaw aussteigen mussten, die wir von der WG aus genommen hatten. Warum? Weil wir wegen einem großen Opfergabenzug nicht weiterkonnten. So sind wir ausgestiegen und haben uns einfach dem Lauf angeschlossen (weil, wenn du nicht weißt wohin in Indien, dann folge einfach der großen Masse. Irgendwo wirst du schon ankommen). Hauptsächlich Frauen waren bei diesem Umzug dabei und alle hatten ein kleines Tonschälchen mit Opfergaben vor sich gehalten. In den besten Kleidern gekleidet, haben sie diese Gaben den Durga Tempel nach oben getragen. Und weil wir es nicht anders wussten, sind wir einfach mit ihnen nach oben gegangen.

Entlang des Weges habe ich einen zweiten und dritten Laufweg gesehen, der parallel zu unserem den Tempelberg hinauf verlief. Dieser war aber eingezäunt. Später wurde mir der Aufbau dieses Events ein wenig mehr bewusst. Und hier für euch die Erklärung. Es gab circa drei verschiedene Warteschlagen. Die erste Wartschlange, die eigentlich keine richtige Warteschlange war, sondern nur ein breiter Weg, war der für die Opfergaben, die oben am Eingang zum Tempel abgelegt wurden (bei der wir auch dabei waren). Diese Warteschlange endete oben am Eingang. Die zwei anderen waren für die Besucher, die in den Tempel wollten. Da natürlich die, die die Opfergaben dargebracht haben auch in den Tempel wollten, haben sich diese einfach von der Seite in die anderen beiden Warteschlagen ein- beziehungsweise vorgedrängelt. Und da wurde es mir und den anderen Volontären einfach zu viel. Es war gesteckt voll, laut und sehr beengend. Da musste ich mich herausnehmen und aussteigen und das Spektakel irgendwie anders anschauen, aber nicht von mitten drinnen.

Da einer unserer Volontäre seine Haare für dieses Event abgeschnitten hatte und spenden wollte, konnten wir also nicht so einfach umkehren. So haben wir die umstehenden Polizisten um Rat gefragt. Diese haben nach kurzer Beratung uns hinter eine Absperrung gewunken. Dort sollten wir dann parallel zu den Warteschlangen nach vorne zum Tempeleingang gehen. Dort mussten wir unsere Schuhe abgelegen, und wurden weiter hinein gewunken, aber diesmal durch eine Sicherheitskontrolle in eine andere Warteschlangengang. Und hier wurde mir bewusst, dass wir so eben in die Säulenhalle des Tempels gelangt sind - ohne 4 Stunden warten zu müssen und ohne Eintritt zu bezahlen. Ich konnte an den Markierungen über meinem Kopf ausmachen, dass es hier vier Warteschlagen gab: zwei für diejenigen, die 100 Rupees bezahlt haben, eine für diejenigen, die 300 Rupees bezahlt haben, und unseren, die wahrscheinlich für die speziellen Gäste ausgelegt war. Das fand ich schon ziemlich arg.

Da wir ja gar keinen Plan hatten, was uns erwartet oder was wir zu tun hätten, haben wir einfach abgewartet, sind in der Warteschlange weiter nach vorne gekommen und wurden letzendes in eine Art inneren Haupttempel gebracht. Dort stand das innerste Heiligtum des Tempels, eine Durga Statute, die golden und mit Blumen und Farbe geschmückt war. Als wir wie auf einem Fließband an diesem Kultbild vorbeigetragen wurden, mussten wir unsere Hände über dem Kopf in Gebetshaltung zusammenfalten und uns verneigen. Das durfte aber nicht länger als eine Sekunde dauern, denn sonst haben die umstehenden Wachleute einen weitergezehrt, denn sonst sind die Menschenmassen hinter einem, die diese Statue auch sehen wollten, ins Stocken geraten.

Es war ziemlich absurd Teil dieser Verehrung geworden zu sein. Wir als Hindulaien, die keine rechte Ahnung von den Ritualen, Ehrungen, Gebräuchen und auch der Wichtigkeit der verschiedenen Götter haben, wurden ohne Vorwissen an diesen heiligen Ort gebracht und durften die Durga Statue sehen. Wir, die keine Hinduisten sind, wurden bei allen Absperrungen hinein- und vorgelassen und mussten keine 4 Stunden wie die anderen Besucher warten. Wir, die in diesem Szenario reine Touristen waren, durften an diesen heiligen Ort der Verehrung. Das finde ich immer noch hart abgefahren. Ich bin dankbar für diese Erfahrung, versteht mich nicht falsch, aber ein leicht schlechtes Gewissen habe ich trotzdem. Denn ich kann diesem Erlebnis nicht die volle Wertschätzung geben, wie ich es gerne würde, denn ich kenne mich einfach zu wenig aus. Aber ich bin allen dankbar, die dieses Erlebnis für mich möglich gemacht haben.

Ich würde dieses Erlebnis mit einem Konzert von Britney Spears zu ihrer Glanzzeit vergleichen, wo die Menschen reihenweise in Ohnmacht gefallen sind und nicht wussten wohin mit ihren Gefühlen. Oder dem Wiederausstellen der Mona Lisa im Louvre nach dem sie 1911 gestohlen wurde. Oder einem Papstbesuch. Es war irre zu sehen, wie viele Emotionen, Vorfreude und Hoffnung in den Gesichtern der Besucher stand. Für viele bedeutet dieser Besuch eine Menge.

Als wir aus dem inneren Haupttempel wieder draußen waren, haben wir uns auch wieder auf den Weg nach unten gemacht. Beim Abstieg waren wir auf der anderen Seite des Tempelberges und haben das Spektakel dort gesehen. Unten am Fuß des Berges war eine Bühne aufgebaut, wo wir uns traditionell hinduistische Tänze angeschaut haben. Die Kostüme und das Make-up waren der Hammer. So bunt, so grelle und klar, und alles so durchdacht. Auch die Choreographie war von den Finger- und Handbewegungen bis hin zum Gesichtsausdruck und der Stellung der Füße so genau durchgeplant. Entlang des Weges weiter nach unten gab es dann noch verschiedene Verkaufsläden, die die verschiedensten Andenken verkauft haben: Bilder und Amulette von Gottheiten, Armbänder, Ringe, etc.

Leuchtreklamen schmücken den Weg zum Tempel
Leuchtreklamen schmücken den Weg zum Tempel

Da es langsam spät wurde, mussten wir wieder auf die andere Seite vom Tempelberg aufmachen, denn dort lagen noch unsere Schuhe. Nachdem wieder diese wieder bei uns hatten, ging es fix mit der Riskhaw wieder zurück nach Hause und ins Bett.

Ich hätte nie gedacht, dass ich Teil von so einer Zeremonie und so einem Fest werden würde. Aber Indien hält immer wieder neue Überraschungen für einen offen.

Eure Rike in Indien